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Hormon-Ersatz-Therapie in der Endokrinologie – Ein Buch mit sieben Siegeln? Oder eigentlich doch ganz einfach?

Ein Beitrag von Christin Löhner

Hormon-Ersatz-Therapie in der Endokrinologie - Ein Buch mit sieben Siegeln? Oder eigentlich doch ganz einfach?

Wir Menschen mit Variante der Geschlechtsentwicklung (Transsexualität) müssen ja, um unserem bewussten und gewussten Geschlecht möglichst nahe zu kommen, eine lebenslange Hormon-Ersatz-Therapie machen. Dazu brauchen wir eine sogenannte Indikation eines Psychotherapeuten oder auch Facharztes für Psychologie oder Psychiatrie, in der uns die Diagnose nach ICD10 F64.0 Transsexualität als gesichert bestätigt wird. Mit dieser Indikation, die man normalerweise spätestens nach den ersten drei, vier oder maximal fünf Sitzungen vom begleitenden Therapeuten bekommen sollte, gehen wir dann zu einem Endokrinologen (Hormonarzt), um dann die gegengeschlechtliche Hormon-Ersatz-Therapie (HET) beginnen zu können.

Mal ganz abgesehen davon, dass die Hormon-Ersatz-Therapie laut MDS Richtlinien erst nach mindestens 12 Monaten Alltagstest und psychotherapeutischer Begleittherapie begonnen werden sollte, was ein völlig veraltetes und vor allem unnötiges und auch menschenunwürdiges Vorgehen ist. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie hat im September 2017 gefordert, diese Voraussetzung zu beseitigen oder deutlich zu vereinfachen.

Gute Psychotherapeutische Begleittherapeuten halten sich nicht an diese Vorgabe, sondern haben hier viel mehr das Wohl des Patienten im Auge und geben die Indikation für die Hormone bereits nach den ersten drei, vier oder maximal fünf Sitzungen raus.

Nun ist es aber leider so, dass die Endokrinologen in Deutschland durch die Bank tatsächlich gar keine Ahnung von der Materie Transsexualität haben. Sie können schon Hunderte transsexuelle Menschen behandelt haben und haben trotzdem keine Ahnung. Sie verschreiben völlig unnötige und höchst gefährliche Blocker (Androcur mit dem Wirkstoff CPA – Cyproteronacetat) und versuchen sich lehrbuchmäßig an gemessenen Werten für Testosteron und Östradiol entlang zu hangeln, die nur in Kombination mit anderen, wichtigen Werten sinnvoll und gewinnbringend sind.

Hier möchte ich einmal, anhand eines Mann-zu-Frau transsexuellen Menschen, also anhand einer Frau in Transition, die evidenzbasiert richtige Vorgehensweise für die Hormon-Ersatz-Therapie schildern, die eigentlich optimal wäre und die offenbar für die Endokrinologen so schwierig zu verstehen oder einzuhalten ist.

Blocker – Androcur – Cyproteronacetat – CPA

Der sogenannte Hormonblocker, in unserem Fall also Androcur (CPA) oder auch Pamorelin, verhindert die Produktion von Testosteron. CPA sorgt dafür, dass die Produktion des Androgens Testosteron direkt in den Hoden verhindert wird. Die Hoden werden von der Hirnanhangsdrüse und dem Hypothalamus im Zwischenhirn gesteuert. Die Hirnanhangsdrüse gibt das follikelstimulierende Hormon (FSH) und das interstitielle zellstimulierende Hormon (LH) ins Blut ab. Letzteres ist vor allem für die Testosteronproduktion zuständig, ersteres für die Bildung der Spermien. Pamorelin sorgt dafür, dass dem Gehirn vorgegaukelt wird, es wäre bereits genug Testosteron im Körper vorhanden, so dass von der Hirnanhangsdrüse das interstitielle zellstimulierende Hormon (LH) gar nicht erst produziert wird und es so auch nicht zu einer Testosteron-Produktion kommt.

Beide genannten Medikamente greifen sehr komplex in die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden Achse ein (HPG Achse) und verringern über das Negative Feedback die Testosteronausschüttung. Durch die Hormonblocker kommt es zu einer sehr stark verminderten Testosteron-Produktion. Dies mag in sehr seltenen Fällen durchaus sinnvoll sein.

Zum Beispiel bei sehr jungen Menschen, um die Pubertät aufzuhalten damit das Androgen Testosteron den Körper nicht zu sehr vermännlichend oder maskulisierend (Bartwuchs, Stimmbruch, etc) beeinflusst, oder auch bei einer so starken Dysphorie, dass bereits durch Körperreaktionen wie die sogenannte “Morgenlatte”, extremste Depressionen und damit eventuell auch somatische Beschwerden ausgelöst werden.

Allerdings hat gerade der Blocker Androcur (CPA – Cyproteronacetat) auch nicht zu verachtende unerwünschte Wirkungen:

  • Lungenembolie
  • Thrombose
  • Herzinfarkt
  • Dauerhaftes Schädigen der Fortpflanzungsmöglichkeit (Impotenz und Einstellen der Samenproduktion)
  • Vollständiges und dauerhaftes Einstellen jeglicher sexuellen Lust (Libido)
  • Depressionen
  • Negative Wesens- und Persönlichkeitsveränderungen

Desweiteren interagiert CPA mit den Steroidrezeptoren:

  • Androgenrezeptor :Antagonist
  • Progesteronrezeptor :Agonist
  • Glukokortikoidrezeptor: Antagonist

Die Nebenwirkungen dieses Stoffes sind demnach viel komplexer, als es die verordnenden Ärzte auf dem Schirm zu haben glauben, denn speziell die Blockade des Progesteronrezeptors, sorgt im menschlichen Gehirn für diverse Schieflagen. Es gibt unzählige Erfahrungsberichte, bei denen Frauen über Antriebslosigkeit, Gereiztheit, Depressionen klagten, die dann schwerwiegende Folgen hatten, von Arbeitsunfähigkeit, bis hin zur Suizidalität.

Hier ist unbedingt sehr genau abzuwägen, wie sinnvoll es ist, einen Blocker zu verschreiben. Insbesondere weil die weiblichen Sexualhormone, allen voran Östradiol (E2) eine ganz natürliche Testosteron-Blockier-Funktion haben. Bei genügend ausreichender Zufuhr von E2 (Östradiol), produziert die Hirnanhangsdrüse kein LH mehr und das Testosteron wird ohne jeglichen Blocker so weit abgesenkt, dass es keinen schädlichen Einfluss mehr auf die Verweiblichung des Körpers hat. Und selbst wenn man Androcur oder CPA unbedingt verschreiben muss, weil der Patient es unbedingt wünscht, sollte die tägliche Dosis CPA 10mg niemals überschreiten! Alles Andere wäre grob fahrlässig!

(Anm. Christin Löhner: Ich selbst sollte im Juni 2016 mit 200 mg Cyproteronacetat (2x 100 mg) täglich anfangen! Das wurde dann nach sechs Wochen auf 100 mg täglich reduziert, nach weiteren sechs Wochen auf 50 mg, bis ich es dann schließlich selbstständig abgesetzt habe, weil ich merkte, dass es mir psychisch definitiv nicht gut tat!)

Ist der Leidensdruck aufgrund bestimmter Körperreaktionen (z.B. durch die Morgenlatte) zu vernachlässigen oder so gering, dass er dem Patienten zuzumuten ist, so ist unbedingt auf die Gabe von Blockern zu verzichten und alleine durch die Gabe von Östrogenen der Testosteronspiegel zu senken!

Irrtümlicher Weise unterstellte man transitionierenden Frauen, sie brauchten keinerlei Libido. Dabei wird nur leider Eines immer wieder vergessen:

Wir sind nicht asexuell sondern nur die angeborene Körperlichkeit stimmt nicht mit unserem Geschlecht überein und verursacht den Leidensdruck.

Östrogene

Die weiblichen Sexualhormone (Östrogene) bestehen aus mehreren Einzelhormonen, die jedes für sich, bestimmte Aufgaben übernehmen:

  • E1 (Östron)
  • E2 (Östradiol, 17-ß-Östradiol)
  • E3 (Östriol)

Sie steuern bei Frauen zusammen mit dem Schwangerschaftshormon Progesteron  alle Vorgänge im weiblichen Zyklus und bei der Fortpflanzung. So bewirken sie zum Beispiel die Reifung der Eibläschen (Follikel) in den Eierstöcken, lösen den Eisprung aus, gewährleisten den Transport des Eies durch den Eileiter in die Gebärmutter und sorgen dafür, dass die Schleimhaut in der Gebärmutter wächst. Östrogene fördern zudem das Wachstum der Brüste und erhöhen die Schleimproduktion im Gebärmutterhals.

Östrogene sind, neben der Steuerung von Schwangerschaft oder Zyklus (Periode) auch sehr wichtig für die Knochenbildung. Darüber hinaus haben Östrogene viele Wirkungen auf den Stoffwechsel: Sie steigern beispielsweise die Durchblutung, führen zu Einlagerungen von Wasser, fördern die Produktion von Eiweißen und führen zu einem Anstieg von Triglyzeriden und Cholesterin.

Die Östrogene werden im Blutserum bestimmt. In den meisten Fällen, zum Beispiel gerade bei einer Hormon-Ersatz-Therapie bei Menschen mit Variante der Geschlechtsentwicklung (Transsexualität), wird das am stärksten wirksame Östrogen bestimmt, das Östradiol (E2). In den meisten Fällen ist aber auch Östron (E1) von Interesse.

Nur im korrekten und ausgewogenen Zusammenspiel der beiden prominenten Östrogene Östron (E1) und Östradiol (E2), sowie dem Schwangerschaftshormon Progesteron, ist eine gute und ausreichende Verweiblichung möglich!

Laut dem sehr renommierten und empfehlenswerten Dr. William Powers vom Powers Family Medicine in Farmington Hills, Michigan, ist eine Balance von E1:E2 bei 1:3 erstrebenswert. So sollten, für eine erfolgreiche Transition und damit auch Verweiblichung des Körpers, folgende Werte ungefähr eingehalten werden:

  • Östron (E1) bei ~100 pg/ml
  • Östradiol (E2) bei ~300 pg/ml (mit einem Level von freiem E2 bei ca. 5 – 15 pg/ml)

Um solche Werte zu erreichen und vor allem auch die Balance zwischen E1 und E2 zu halten, sollte man immer auch E1 (Östron) mit bestimmen, statt nur E2 (Östradiol)!

Da das “Hauptöstrogen” Östradiol sehr schnell und zu größten Teilen schon in der Leber abgebaut wird, eignet es sich eher nicht zur Einnahme als Tablette. Deshalb ist unbedingt eine transdermale (Gel oder Spray) oder subdermale Verabreichung oder intramuskuläre Spritze zu bevorzugen.

Dennoch sind die Serumspigel bei E2 als sehr individuell einzustufen. Erste Priorität, die Patientin muss sich wohlfühlen und und es muss natürlich zu den gewünschen Veränderungen kommen. Hier ist der Arzt gefordert, denn das Gießkannenprinzip wirkt hier nicht. In einem Bereich von 100 – 500 pg/ml sollte aber jede Patientin ihr Optimum finden.

Bitte daran denken, der Serumwert E2 ist nur eine Momentaufnahme und zu oft werden auch false-positive Werte gemessen, weil das Gel/Spray gerade auf den Arm der Blutentnahme aufgetragen wurde. Deshalb ist auch unbedingt das Sexualhormon Binding Globulin (SHBG) zu messen, es ist in der Aussage vergleichbar mit dem Hba1C beim Glukosestoffwechsel, nur eben auf die Menge des durchschnittlichen E2-Levels.

Im weiteren Verlauf der Hormon-Ersatz-Therapie (HET), insbesondere auch nach der geschlechtsangleichenden Operation, sollte unbedingt auch noch ein bioidentisches Progesteron verabreicht werden. Progesteron ist ein Schwangerschaftshormon, das die Verweiblichung sehr positiv unterstützt. Hier ist allerdings besonders darauf zu achten, dass alle Werte von E1, E2 und Progesteron in einem weiblichen Normbereich liegen, da sonst das Progesteron wieder zu Testosteron verstofflichwechselt wird.

Eigene Selbstbeobachtung

Das Wichtigste ist immer, dass sich die Patientin wohl fühlt und eine ausreichende Verweiblichung erzielt wird. Deshalb ist es von sehr großer Bedeutung, sich selbst zu beobachten und auf die Reaktionen des eigenen Körpers zu hören und zu reagieren.

Anhaltspunkte für eine Frau in Transition sind zum Beispiel:

  • Spannung und Kribbeln in der Brust oder auch (Wachstums)Schmerzen in der Brust
  • Brustwachstum, Wachstum der Brustwarzen und Brustwarzenhöfe
  • Körperbehaarung, zum Beispiel bei vorherigem Haarausfall oder Glatze, Arm- und Beinbehaarung
  • Gesichtsform, Hautbeschaffenheit – Hier empfiehlt es sich, tägliche Selfies immer aus dem gleichen Winkel zu machen, um Unterschiede erkennen zu können
  • Fettverteilung, Körperfettumverteilung, zum Beispiel an Taille, Hüfte, Oberschenkel und Po
  • Gemütszustand! Bekommt man vermehrt Depressionen, Angstzustände, Hitzewallubgen?

All diese Punkte sind sehr wichtig und sollten von der Patientin im Auge behalten werden. Nur dann kann auch anhand des eigenen Befindens oder des Fortschritts der Verweiblichung die Dosierung angepasst werden.

Fazit und Empfehlung

Viele Endokrinologen verschreiben einen Blocker der nicht notwendig ist oder halten sich alleinig am Wert von E2 fest, ohne irgendeinem anderen Wert Beachtung zu schenken. Das Problem dabei sind die negativen Wirkungen, die solch ein Vorgehen haben kann.

Sprechen wir von einem Blocker, so sind das ganz üble Nebenwirkungen wie Depressionen, Persönlichkeitsveränderungen, totgelegte Libido oder sogar Embolien, Thrombosen, Herzinfarkt. Sprechen wir vom fehlenden Zusammenspiel von E1, E2 und Progesteron, so sprechen wir von ungleichem Wachstum der Brüste, einem Ausbleiben jeglicher Verweiblichung oder von Hitzewallungen und mehr.

Der menschliche Körper ist ein sehr komplexes Gebilde, dass durch falsche Maßnahmen sofort ins Ungleichgewicht gebracht werden kann! Nur im korrekten Zusammenspiel aller Komponenten, kann eine HET (Hormon-Ersatz-Therapie) wirklich gewinnbringend und erfolgreich sein.

 


 

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3 Replies to “Hormon-Ersatz-Therapie in der Endokrinologie – Ein Buch mit sieben Siegeln? Oder eigentlich doch ganz einfach?”

  1. Vielen Dank für diesen Übersichtsartikel. Ich stelle mir die Frage, warum keine Literaturliste angefügt ist, und warum Verweise fehlen, anhand derer sich die Angaben im Artikel auch wissenschaftlich belegen lassen. Für mich als promovierter Biologin würde der Artikel dadurch deutlich aufgewertet, erlaubte er dann, mir eine persönliche HET zu erstellen. Liebe Grüße, Claudia

    1. Hallo Claudia und vielen Dank für Dein Kommentar! Leider habe ich keine Quellen oder Belege dafür, ausser, was Dr. Powers, Michigan in seiner Präsentation V6 schreibt, sowie einige Erfahrungsberichte anderer Frauen mit VdGe. Aber ich werde mich mal umhören. Da gibt es bestimmt einiges. Dr. Haupt weiß da sicher auch einige Quellen, die ich anbringen kann. Ich werde den Artikel dann entsprechend updaten. Geplant ist auch noch ein Teil für die Männer. Allerdings ist das halt nicht meine Baustelle und muss von jemand anderem geschrieben werden. 🙂 LG Christin

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