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Christin Löhner

Christin Löhner ist die Gründerin (2016) und die Vorsitzende der VDGE e.V. und selbst eine Frau mit geschlechtsvarianter Vergangenheit (Transsexualität).

Hier erzählt sie dir ihre Geschichte:


Wir alle kennen das: Ein kleiner 5 oder 6-jähriger Junge zieht sich die Hose runter und fummelt an seinem Pimmelmännchen herum. Das ist völlig normal und auch gut so, denn so lernt der kleine Mann sich und seinen Körper kennen.

In meinem Fall lernte ich so, dass bei mir irgendetwas nicht stimmen konnte, ich wusste damals nur noch nicht was.

Christin in sehr jung, damals noch Alexander
Christin in sehr jung, damals noch Alexander

Ständig und überall wurde ich als Junge eingeordnet. Sei es beim Schulsport, wenn es hieß Jungen gegen Mädchen und ich mich zu den Mädchen hin stellen wollte, oder auf dem Pausenhof, wenn ich viel lieber mit den Mädchen zusammen spielen wollte. Die Themen der Jungs interessierten mich nicht und die Mädchen wollten mich nicht.

„Du gehörst hier nicht her“, „Du bist ein Junge, wir wollen Dich nicht bei uns“. Solche und ähnliche Sprüche musste ich mir ständig anhören und ich verstand das alles zuerst nicht so richtig.

Es schien mir, dass Alles und Jeder gegen mich war und mich nicht verstand. Ständig hatte ich das Gefühl, etwas falsch zu machen und falsch zu sein. Dies führte schon im sehr jungen Kindesalter dazu, dass ich immer vorsichtiger, immer zurückhaltender, immer introvertierter wurde und jegliches Selbstbewusstsein verlor.

Ständig sagten mir alle, ich sei ein Junge und solle mich entsprechend verhalten. Ständig, jede Minute, war mir bewusst, dass ich irgendwie anders war und meine Umwelt mir etwas Falsches eintrichtern wollte. Ich war mir bewusst und absolut sicher, ein Mädchen zu sein.

Jeder sagte mir etwas Anderes und dies sorgte dann natürlich auch für Zweifel in mir selbst und die tiefe, innere Sorge, vielleicht verrückt zu sein.

Hinzu kamen dann natürlich mit der Zeit auch das Mobbing und vor allem das Alleinsein. Ich zog mich selbst immer mehr zurück, baute regelrecht eine dicke Mauer des Selbstschutzes um mich herum auf und bekam ständig das Gefühl vermittelt, falsch zu sein, egal wo ich hin ging. Die Mädchen wollten mich nicht, weil ich für sie ein Junge war und die Jungs wollten mich nicht, weil sie mich als „komisch“, „mädchenhaft“, als „Weichei“ und „Mamasöhnchen“ ansahen.

Niemand wollte mich verstehen – niemand konnte mich verstehen. Mein Gott, nicht einmal ich selbst verstand mich!

Ich wusste nicht, was mit mir los war, ich hatte dafür keinen Namen, keine Bezeichnung, konnte mich nicht erklären. Ich wusste nur, etwas war falsch.

So zogen die Jahre ins Land und jedes einzelne war verdammt lang und voller Hürden. Aber es sollte noch viel Schlimmer kommen, nur wusste ich das zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Ich wurde sieben, acht, neun und ich begann langsam, meinen eigenen Körper kennenzulernen. Ich musste lernen, dass dieser Zipfel da zwischen meinen Beinen wohl tatsächlich zu einem Jungen gehören musste und ich merkte, dass wohl alle recht haben mussten. Doch dazu stand im krassen Gegensatz das, was ich fühlte und was ich tief in meinem Innersten unumstößlich und sicher wusste: Ich bin ein Mädchen!

Ich wurde elf, zwölf, dreizehn Jahre alt und meine Pubertät begann. Plötzlich bekam ich Haare im Gesicht, womit ich nie gerechnet hatte. Ich kam in den Stimmbruch, meine Stimme senkte sich und was mich mit am allermeisten schockierte, war die Tatsache, dass mir keine Brüste wachsen wollten.

Christin, damals noch als Alex mit ungefähr 13 Jahren
Christin, damals noch als Alex mit ungefähr 13 Jahren

Mir wurde, mit dreizehn Jahren, unumstößlich klar, dass bei mir etwas ganz gewaltig schiefgelaufen sein musste und ich nun in diesem falschen Gefängnis eines Jungenkörpers fest saß, obwohl ich doch ganz klar ein Mädchen war.

Mit 14 war ich auf einem Schüleraustausch in Frankreich für ein halbes Jahr. Während dieser Zeit in Frankreich, hatte ich meinen allerersten Sex und das auch noch mit einem mir völlig fremden, deutlich älteren Mann, er war so um die 30. Damals saß ich, schon seit gut anderthalb Stunden auf einer Parkbank, habe Musik gehört und vor mich hingeträumt, als plötzlich dieser Mann kam, sich neben mich setzte und anfing mich zu betatschen… Ich hätte aufstehen können, mich wehren können, weglaufen können. Aber ich tat nichts dergleichen. Nach etwa einer halben Stunde ist er aufgestanden und hat mir die Hand gereicht… und ich bin halt mitgegangen. Da war keinerlei Zwang dabei und ich war völlig unfähig, mich dem zu widersetzen. Es folgten zwei Stunden echter Sex, mein erster Sex überhaupt.

Ebenfalls mit 14, nach diesem Ereignis gab es eine Szene, wo ich mit einem Teppichmesser Zuhause auf meinem Bett saß und mir meinen Penis selbst abschneiden wollte. Nun ja, ich habe es natürlich nicht getan, weil ich Angst hatte vor dem vielen Blut und der Sauerei und so.

So gingen dann die Jahre ins Land, meine Eltern schickten mich im Laufe der Zeit zu verschiedensten Psychologen und Therapeuten, von denen mir keiner helfen konnte oder wollte. Vermutlich verstanden sie selbst nicht, was mit mir los war oder wie es dazu kommen konnte.

Ich begann alles und jeden zu hassen, vor allem aber hasste ich mich selbst. Natürlich merkte man das alles auch an meinen Schulnoten und meine erste Lehre brach ich nach einem halben Jahr ab, weil ich einfach „keinen Bock“ darauf hatte.

Ich gab irgendwo in mir drin meinen Eltern die Schuld für all das und so wurde mein Verhältnis zu ihnen natürlich auch nicht besser. Die Tatsache, dass ich ein Adoptivkind war und meine Adoptiveltern nach meiner Adoption noch zwei eigene Kinder zur Welt brachten, tat sein Übriges und ich sagte mir, dass meine Eltern mich nicht liebten, nicht lieben konnten. Ich wurde extrem bockig, trotzig und immer schwieriger.

Mit 18 bin ich dann von Zuhause abgehauen, weil ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe und mein Leben leben wollte. Damals bin ich nach Ulm gekommen, wo ich ganz fürchterlich abgestürzt bin. Ich wurde drogenabhängig von Koks, Speed, LSD, Crack, etc… und ich habe mich ungefähr sechs Jahre lang prostituiert, war also Stricher, habe alles mit mir machen lassen, solange ich Geld dafür bekommen habe.

Dann, mit 22 oder 23 habe ich mich selbst aus diesem Sumpf wieder hervorgekämpft. Habe einen kalten Entzug gemacht, eine Lehre angefangen und auch abgeschlossen.

Während dieser Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, wurde ich dann zweimal innerhalb eines halben Jahres aufs brutalste von drei Männern gleichzeitig vergewaltigt.

Das wäre damals fast mein Tod gewesen, denn natürlich hatte ich damals – und auch schon davor – zahlreiche Selbstmordversuche. Trotzdem habe ich dann die Lehre erfolgreich abgeschlossen, nachdem ich sogar das zweite Lehrjahr übersprungen habe.

All diese Ereignisse und Erlebnisse geschahen in der Rolle eines Mannes. Ja, eines sehr weiblichen, vielleicht sogar schwul anmutenden Mannes, aber eines Mannes. Ich war so in dieser Rolle des Kerls drin, dass ich viele, viele Jahre lang mein eigentliches „Problem“ verdrängt habe.

Christin, immernoch als Alex mit ungefähr 18 Jahren
Christin, immer noch als Alex mit ungefähr 18 Jahren

Ich spielte diese Rolle eines Mannes, weil ich das ganze Mobbing, die Brultalität mir gegenüber, die Schläge, diese ganze Falschheit und falschen Gedanken, nicht mehr wollte und los haben wollte. Ich wollte nicht aufliegen, nicht entlarvt werden, als ein Psychopath oder etwas ähnliches. Deshalb behielt ich dieses Kostüm, diese Verkleidung, diese Maske eines Mannes auf und spielte seine Rolle.

Es geschah dann erst in 2007, als mir die Augen geöffnet wurden und ich dann endlich erfuhr, was tatsächlich mit mir los war. Und ich erfuhr, dass es dafür auch eine Lösung gab!

Ich verschlang regelrecht sämtliche Artikel, Informationen zu Transsexualität und ich las jede Lebensgeschichte, jede Erzählung anderer transsexueller Menschen. Und – ich fand mich in jeder Geschichte wider.

Es dauerte dann noch 8 Jahre, bis 2015, bis ich dann tatsächlich endlich allen Mut zusammen hatte, um diesen großen Schritt, diesen Weg auch zu gehen und meinen Körper dem angleichen zu lassen, was ich seit der Grundschule eh schon wusste.

Inzwischen bin ich soweit mit allem durch, bin vor dem Gesetz weiblich, habe meinen Namen von Alexander Löhner auf Christin Löhner ändern lassen, bin seit Juni 2016 in der Hormon-Ersatz-Therapie, hatte am 22.01.2018 meine Geschlechtsangleichende Operation (GaOP) und am 29.08.2018 die entsprechende kosmetische Korrektur-Operation in München-Bogenhausen bei Dr. Markovsky. Am 08.02.2019 hatte ich nun auch noch meine Brustaufbau-Operation in München-Erding bei Dr. Taskov. Logopädie ist ebenfalls am laufen, Barthaarepilation ist zwar noch geplant, aber noch nicht terminlich eingetaktet. Dies erachte ich auch für mich persönlich als nicht so wichtig.

Christin mit 48 Jahren, fünf Jahre nach ihrem Coming Out
Christin mit 48 Jahren, fünf Jahre nach ihrem Coming Out

Ich bin inzwischen ganz in meinem weiblichen Körper angekommen und sehr, wirklich sehr glücklich darüber und über meinen Weg.

Dies ist, was andere, zum Beispiel Zeitungen über mich schreiben:

Christin Löhner ist Aktivistin. Sie ist selbst eine Frau mit Variante der Geschlechtsentwicklung, also Geschlechtsinkonguenz und engagiert sich sehr stark im sozialen Bereich für ihre Mitmenschen, insbesondere für ihre Mitbetroffenen.

Im September 2016 gründete sie die einzige Selbsthilfegruppe für Transsexuelle Menschen im gesamten Bodenseeraum. Seit dem ist diese Gruppe zu einer bundesweiten Selbsthilfeinitiative und Dachverband angewachsen, zur VDGE e.V., der inzwischen aus sieben Selbsthilfegruppen und zwölf Peerberatungsstellen in ganz Deutschland und in der Schweiz besteht. Aktuell besteht diese Initiative aus ungefähr 68 Mitglieder und drei Vereinen, die eng mit der VDGE e.V. kooperieren.

Deutschlandweit begleitet Christin derzeit rund 150 transsexuelle Personen auf ihrem Weg und steht ihnen mit Hilfe und Ratschlägen, oder mit Tipps und Antworten zu Hormonen, Operationen, Ärzten, sowie Mode- und Stilberatung zur Seite. Außerdem hält sie Seminare, Workshops und Vorträge über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Akzeptanz, Toleranz, Mobbing oder auch Homo- und Transphobie an Universitäten, Schulen und sozialen Einrichtungen und leistet so Präventionsarbeit und Aufklärung.

Sie kämpft für die Rechte von Menschen aus dem gesamten LGBTTIQ* Spektrum, vor allem aber natürlich für die von transsexuellen Menschen. Dafür ist sie auch in sämtlichen Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen ständig präsent.

Christin ist außerdem Landesvorsitzende Baden-Württemberg der Bundespartei Allianz für Menschenrechte, Tier- und Naturschutz und setzt sich im Namen dieser Partei für Menschenrechte und alle Queeren und LSBTTIQ+ Menschen ein.

Ab November 2019 kandidierte sie für das Amt der Oberbürgermeisterin von Konstanz, zog ihre Kandidatur jedoch im Februar 2020 wieder zurück, als ein Kandidat die Bühne betrat, der ein fast identisches Wahlprogramm und deutlich mehr politische Erfahrung hatte.

Mitte 2019 veröffentlichte sie ihre eigene Autobiographie mit dem Titel “trans(*)parent”, in der sie von ihrem Leben, dem Leidensweg und ihrer Transition berichtet, viele Tipps rund um dieses Thema gibt und Informationen bereithält.

Mehr Infos über mich, hier:

Mein Blog – Christin Löhner – Varianten der Geschlechtsentwicklung



 


 





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